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“Endlich wieder frei?”

Offene Grenzen, unbekümmertes Miteinander, freies Reisen…

Das ist, was auf der Wunschliste der meisten Menschen bei uns in der Grenzregion zwischen Österreich und Bayern an erster Stelle steht.
Die Wirtschaft ist auf freien Grenzverkehr angewiesen, vor allem der Tourismus. Aber nicht zuletzt gilt dies auch für Familien, die keine „Grenzen“ kennen. Das haben alle mit dem „Virus“ gemeinsam, das sich auch nicht von „offenen oder geschlossenen“ Grenzen beeinflussen lässt!

Egal, mit wem ich spreche: alle sehnen sich den Tag herbei, an dem die Grenzen wieder geöffnet sind und der freie Grenzverkehr wieder möglich ist. Es ist in der Tat das zentrale Thema.

Alles eine Zeiterscheinung?

Die Tage hatte ich mit einer mir bekannten Lehrerin ein Kurzgespräch. Sie versteht das alles nicht. Es braucht keiner Hunger zu leiden, die „Corona Krise“ gehe auch vorbei, und was sollen da unsere Eltern und Großeltern sagen, die in den Jahren 1945 in Trümmern lebten und ein Land aufgebaut haben, das die Basis unseres heutigen Lebens ist? Sind da nicht viele zu „verweichlicht“?
Kein Besuch im Biergarten, kein Urlaub in den Bergen. Ja, wovon sprechen wir hier eigentlich?

Ja, das ist schon richtig. Was sind die heutigen Themen schon gegenüber dem, was 1945 auf der Tagesordnung stand? Stimmt, da geht es uns heute vergleichsweise gut.

Blick in die Vergangenheit

In diesem Moment musste ich an meinen Onkel, Jahrgang 1938, denken. Im Rahmen der Verabschiedungszeremonie meines Vaters 2017 fragte ich ihn: „Onkel, was waren Eure Kindheitsthemen? Was waren die Themen, die euren Alltag bestimmten?“.
Er antwortete mir: „Junge, bei Deinem Vater und uns gab es nur ein Thema: Überleben! Sonst nichts!“

Das gab mir zu denken, denn ich bin 1964 geboren und habe das Glück gehabt, bis heute in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Was anderes kenne ich zum Glück nicht….

Überleben? Nein, darum ging es nicht wirklich.  Probleme, Sorgen, Konflikte, ja! Aber Überlebensfragen? Nein!

Gefühl der Gegenwart

Und dennoch ist der Vergleich durchaus berechtigt. Denn was für viele seit Wochen Realität ist, kann man als puren Existenzkampf bezeichnen. Ja, für den Handel war klar, die Geschäfte haben wieder geöffnet. Die Tourismusbranche hat es ganz hart getroffen, oder die Fitness Studios u.a. Oder denken wir an die Künstler, die auf längere Sicht ohne Einnahmen dastehen. Die staatlichen Rettungspakete haben Hilfe leisten können, aber nur punktuell.

Immer wieder „Grenzöffnung“

Wenn ich in diesen Tagen an die unendliche Sehnsucht der „Grenzöffnung“ mit den unheimlich starken Emotionen denke, da fällt mir sofort ein:

Was war 15. Mai 1955 mit Österreich und dem legendären Ausspruch des Präsidenten Figl: „Österreich ist frei!“
Was war mit dem „Fall des Eisernen Vorhanges“ und des befreiten Aufschrei vieler Menschen?
Was war 9. November 1989 mit dem Fall der „Berliner Mauer“ und der riesigen Sehnsucht nach freiem Grenzverkehr zweier deutscher Staaten? Jeder kennt den legendären Satz von Helmut Kohl: „ Es werden blühende Landschaften entstehen!“
Was war am 1. April 1998 mit dem lang ersehnten Fall der europäischen Grenzbalken, an die ich mich in Laufen und Oberndorf noch lebhaft erinnern kann?
Was war 1. Januar 2002 mit der Einführung des Euros? Endlich eine einheitliche Währung mit Versprechungen, die kontrovers diskutiert werden.

Worum geht es immer wieder?

Worum ging es inhaltlich und emotional für viele Menschen immer wieder?
Es ging um Freiheit, es ging um Reisefreiheit, es ging immer um die Zusammenführung von Familien, Staaten und Währungen und Kräftigung der Wirtschaftskreisläufe.

Und genau das ist der Punkt, um den es seit dem 16.3.2020 geht: Von heute auf morgen wurden Grenzen geschlossen, Familien getrennt, man hatte mitunter keine Arbeit mehr, als „wenn der Krieg ausgebrochen wäre“ – was natürlich nicht der Fall war. Der Lockdown hat Urängste des „Überlebenskampfes“ und das kollektive Trauma in unser aller Hirnstamm angetriggert.

Auf einmal kamen mir die Bilder meiner eigenen Eltern hoch, die auf Grund der Kriegswirren von den Eltern getrennt wurden. Und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als zwischen Laufen und Oberndorf am Grenzübergang die Bauzäune aufgestellt wurden und meine Familie von Oberndorf nicht mehr zurück nach Laufen kam – ausgerechnet auch an der historischen „Länderbrücke“ zwischen Laufen und Oberndorf.

Es formierten sich eine erhöhte Polizeipräsenz und in Österreich wurden zusätzlich vom Bundesheer Rekruten mit Maschinenpistolen zum „Grenzschutz“ eingesetzt. Das sich die politischen Meldungen im Stundentakt änderten, irritierte nicht nur die Grenzbeamte. Für viele Wochen bestimmten diese Bilder unseren Lebensalltag.

15. Juni 2020 und die Hoffnung

Von daher wird der 15. Juni 2020 für viele eine „erhoffte Befreiung“ sein, denn wenn Grenzen wieder offen sind, dann entspricht das einem elementarem menschlichen Grundbedürfnis. Es ist keine „kriegerische Befreiung“, es ist mehr eine „emotionale Befreiung“, nach dem sich auch unser Zwischenhirn, dem Sitz des emotionalen Zentrums, sehnt.

Offene Grenzen heißt auch wieder in den gewohnten Rhythmus des Lebensalltages zu kommen.

Rhythmen bestimmen unser Leben und geben Sicherheit

Aus meiner täglichen Praxisarbeit (http://www.sigurd-berndt.eu ) weiß ich: Jede Zelle hat einen physiologischen Rhythmus. Wenn diese „Zellrhythmik“ gestört ist, dann entstehen Krankheiten. In der biologischen Medizin geht es mitunter darum, diese gestörte Zell-Rhythmik wieder in Schwung zu bringen, um zu gesunden.

Kehren wir dank Autonomie und Freiheit wieder zu unseren Rhythmen zurück, erfüllen wir uns zudem das durch Corona verloren(e) (geglaubte) Bedürfnis nach Sicherheit,

Resumeé


So wie nach dem „Berliner Mauerfall“ nicht nur „blühende Landschaften“ entstanden sind, so wie die offenen Grenzen innerhalb der EU nicht problemlos gelebt werden konnten, so wie der Euro nicht nur Vorteile gebracht hat, so werden in Zeiten von „Corona“ auch Grenzöffnungen nicht alle Themen vergessen lassen.

Aber mit der gebotenen Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Umsichtigkeit können wir die aktuellen Aufgaben bestmöglich meistern, so wie dies auch unsere Ahnen taten.
Wir können wieder unsere Familien und Freunde sehen. Der grenzüberschreitende wirtschaftliche Kreislauf kann wieder anlaufen, und wir können dann hoffentlich wieder im verantwortlichen Rahmen reisen!

Freuen wir uns wieder über die wichtigsten Güter des Lebens: „Xsundheit“ und „Freiheit“.

Fotos: Adobe Stock

Hinweis
Sie befinden sich im Blog vom Tourismusverband Großarltal. Ältere Beiträge finden Sie in unserem Blogarchiv auf www.blogarchiv.at.

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